Warum End2End nicht immer der beste Start ist: KI-gestützte Bestellverarbeitung mit Human-in-the-Loop

Wie wir die Bestellverarbeitung bei einem Pharmahersteller neu dachten

Die Story in kürze

Wir starteten mit einem grossen Ziel: End-to-End Automatisierung von Kundenbestellungen.

Das Ziel war es, Bestellformulare vom E-Mail Eingang bis zum ERP zu automatisieren – den gesamten Prozess ohne das Eingreifen eines Menschen.

Die Bestellformulare reichten von klar strukturierten digitalen Dokumenten bis zu handschriftlichen Scans, deren Qualität und Lesbarkeit teils stark schwankte.

Was passierte:

  • Strukturierte Fälle liefen gut
  • Handschrift bremste
  • Change Requests fluteten das Projekt
  • Budget und Scope verschoben sich

Schlussendlich wurde das Projekt gestoppt, der ROI war nicht mehr positiv.

Was geblieben ist:
Sehr klare Learnings bezüglich der Projektumsetzung sowie gegenüber dem Funktionsumfang und ein neues Setup, das heute schneller Nutzen stiftet.

Was wirklich funktioniert hat

  • E-Mail Trigger: Anhänge wurden zuverlässig identifiziert und weiterverarbeitet
  • Klassifizierung: Ob es sich um ein handschriftliches Formular oder eine Kassensystem Bestellung handelte wurde zuverlässig unterschieden
  • Validierung: Die mit hohem Confidence Score eingestuften Werte, waren alle samt zuverlässig
  • Partner Matching: Mehr als 95% Trefferrate
  • Kassen OCR: Durchgehend hohe Confidence Werte
  • ERP-Importfile: Robust und Integrationsbereit

Wo die Schwierigkeiten aufkamen

Wir gingen anfangs davon aus, dass das KI-Modell jedes Formular zuverlässig lesen kann, unabhängig davon, ob es digital ausgefüllt, eingescannt oder handschriftlich ergänzt wurde.

In der Praxis zeigte sich jedoch schnell eine Grenze:

Bei handschriftlich ausgefüllten Feldern sank die Erkennungsqualität deutlich. Unser OCR-System konnte etwa 65 % der Handschrift korrekt interpretieren, für den Rest lieferte es nur unsichere Schätzungen. Diese Unsicherheit spiegelt sich im sogenannten Confidence Score wider – ein Wert, der angibt, wie sicher sich das System bei einem erkannten Feld ist. Fällt dieser Wert unter eine bestimmte Schwelle, kann das System keine zuverlässige Entscheidung treffen.

Ohne einen Human-in-the-Loop Mechanismus bedeutete jedes unklare Feld einen vollständigen Stopp im Prozess. Gleichzeitig entstanden regelmässig kurzfristige Änderungswünsche, die den Entwicklungsaufwand zusätzlich erhöhten.

Das Ergebnis:

  • Der Prozess kam nicht schnell genug ins Laufen, der Nutzen blieb aus und das Projekt wurde pausiert.

Unser Learning:

  • Automatisierung funktioniert dann am besten, wenn klare Fälle automatisiert werden und Ausnahmen gezielt an Mitarbeitende übergeben werden können.
Mehrere extrem unleserliche handschriftliche Zahlen, Wörter und Kritzeleien, die typische Probleme bei der automatisierten Texterkennung auf Bestellformularen zeigen.

Das bessere Setup – Unsere heutige Empfehlung

Human-in-the-Loop statt End-to-End als Startbedingung

End-to-End Automatisierung bleibt das Ziel, aber nicht der erste Schritt. Der schnellste und nachhaltigste Nutzen entsteht, wenn man zuerst die stabilen 60–80 % automatisiert und für die verbleibenden 20–40 % ein leichtes Human-in-the-Loop Interface schafft.

So wird der Prozess früh produktiv, ohne darauf zu warten, dass jede Ausnahme, jede Handschrift und jede Formularvariante perfekt erkannt wird.

Mit diesem Ansatz wird Automatisierung inkrementell, beherrschbar und sofort wertstiftend:

  • Standardfälle laufen vollautomatisch, liefern Geschwindigkeit & Effizienz
  • Ausnahmen bremsen nicht mehr
  • Fachbereiche behalten Kontrolle, was die Akzeptanz spürbar erhöht

END-TO-END vs. HUMAN-IN-THE-LOOP

DimensionEnd-to-End Automatisierung (E2E)Human-in-the-Loop (HITL)
ZielbildMaximale Effizienz durch vollständig automatisierte AbläufeKombination aus Automatisierung und gezielter menschlicher Expertise
StärkenSehr schnell, skalierbar und ideal für hohe ProzessvolumenHohe Flexibilität bei variabler Datenqualität & Sonderfällen
DatenanforderungenAm stärksten bei klaren, digitalisierten, strukturierten DatenRobust bei Scans, Handschrift, unstrukturierten Eingaben
QualitätssicherungAutomatische Validierung ohne menschliche FehlerquellenMenschliche Einschätzung verhindert Fehlinterpretationen der KI
GeschwindigkeitExtrem schnell bei klar definierten StandardfällenSchnell bei Standardfällen + kontrolliert bei Ausnahmen
SkalierbarkeitSehr hoch – ideal für grosse TransaktionsmengenHohe Skalierbarkeit, da Menschen nur bei Bedarf eingreifen
RisikoNiedrig, wenn Datenqualität stabil und Input zuverlässig istNiedrig, da Sonderfälle abgefedert werden
AnwendungsfälleMaschinenlesbare Formulare, APIs, Kassendaten, strukturierte ERPsScans, E-Mail-Formulare, PDF-Varianten, handschriftliche Bestellungen
InvestmentHöherer initialer Aufwand, langfristig sehr effizientSchneller Start, geringeres Risiko, ideal für iterative Weiterentwicklung
MehrwertMaximal automatisierte Prozesse mit minimalen PersonalkostenHohe Prozessstabilität trotz heterogener Eingangsdaten
Beste Wahl, wenn……der Prozess klar, digitalisiert und ohne viel Variation ist…die Realität viele Varianten, Scans und unklare Felder enthält

Konkrete Anpassungen für die nächsten Projekte

  • OCR & KI-Modelle vor Projektstart intensiv testen
  • Klare Abnahmekriterien definieren
  • Frühes Scoping und sauber definierte Change-Request-Prozesse
  • Human-in-the-Loop von Anfang an einplanen
  • Formular- und Datenstandardisierung starten, bevor automatisiert wird
  • Fachbereiche aktiv einbeziehen
  • Flexibles Systemdesign
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Sven Brenner

CTO | Senior CX Guide | Mitglied der Geschäftsleitung

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